phantastische Geschichten & uralte Märchen

                                     

Immer der Nase nach

Es war einmal ein alter Sultan, der hatte einen Sohn. Er liebte seinen Sohn über alle Maßen und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihn in allem zu unterweisen was ein guter Herrscher wissen musste. Denn er sollte ein würdiger Nachfolger werden.

Der Prinz jedoch, wollte von solcherlei Aufgabe nichts wissen. Seine Leidenschaft war der Duft. Das Regieren kümmerte ihn nicht. Ihn interessierten nur die vielfältigen Gerüche, mit denen er sich umgab.

So liebte er es, jeden Morgen den Duft des frischen Kaffees neben seinem Bett zu riechen und noch bevor er die Augen öffnete, wusste er, ob diesem Zimt, Kakao oder Kardamom beigemischt war.

Für sein Leben gern ging er im Garten des Palastes spazieren, um sich am Duft der Blumen zu erfreuen. Darüber vergaß er alles andere. Er wollte nichts hören von den Sorgen und Nöten der Untertanen.

Eines Morgens, als der Prinz aus tiefem Traum erwachte, bemerkte er noch im Halbschlaf, dass er seinen geliebten Kaffee-Duft nicht roch. Er läutete heftig nach seinem Diener und polterte: „Wo bleibt mein Kaffee?

„Oh Herr,“ antwortete der Diener, „dein Kaffee steht wie jeden Morgen neben deinem Bett. Sieh nur hin! Er dampft und riecht nach Kakao, so wie Ihr es befohlen habt.“

Und tatsächlich – dort stand, wie jeden Morgen seine Tasse mit Kaffee. Doch obgleich er das dampfende Getränk sofort direkt unter seine Nase hielt, so konnte er doch nichts riechen.

Er ließ alle Ärzte des Landes kommen. Diese stritten sich, was es denn nun sei, was die Nase des Prinzen verstopfte. Doch keiner wusste Rat, keiner konnte den Prinzen heilen.

Was sollte der Prinz tun? Ohne all die zauberhaften Düfte des Lebens konnte er nicht sein.

Da beschloss er, sich auf die Suche zu machen, ob es in seiner Stadt denn niemanden gäbe, der ihm helfen könne.

Also verkleidete er sich und verließ, von keinem gesehen, den Sultanspalast. Es ward um die Mittagsstunde und brütende Hitze lag über allem.

Er begab sich direkt in den Basar und ging zu den Händlern, die Gewürze und Kräuter anboten. In bunter Vielfalt lagen dort beieinander Safran und Paprika, Minze und Thymian, Zimt und Sternanis, Sandelholz, Weihrauch und Koriander und überall war Wohlgeruch – nur – der Prinz konnte von all dem nichts riechen.

Er ließ sich unerkannt durch das Getümmel des Basars treiben und kam endlich zu einem Platz, in dessen Mitte ein Brunnen stand.

Erschöpft und müde wie er war, setzte er sich an den kühlen Rand des Brunnens um ein wenig auszuruhen. Und zum ersten Mal in seinem Leben beobachtete er die Menschen auf dem Basar. Er sah Händler in bunten Gewändern und abgezehrte Gestalten, die sich bettelnd durch die Straßen schleppten. Er sah den Reichtum und das Elend. Doch all dies interessierte ihn nicht. Er wollte riechen!

Und wie er seine Blicke so schweifen ließ, entdeckte er auf der anderen Seite des Platzes einen alten Mann. Dieser betrachtete ihn aufmerksam und kam dann gemessenen Schrittes auf ihn zu. Wie er den Platz überquert hatte, blieb er vor ihm stehen und neigte ehrfurchtsvoll sein Haupt.

Der Prinz erwidertet den Gruß. Der Alte blickte ihn aus weisen Augen an und murmelte mit leiser Stimme: „Mein Prinz, du hast die Gabe des Riechens verloren. Du wirst dich auf die Suche machen müssen. Doch höre – du musst in des Brunnens Spiegel blicken um zu erkennen!“

Woran hatte ihn der Alte erkannt und woher wusste der Alte, dass er nicht mehr riechen konnte? Zögernd beugte sich der Prinz über den Rand des Brunnens und blickte hinab. Von dort unten schaute ihm nur sein eigenes Spiegelbild entgegen. Plötzlich fühlte er sich an der Schulter gestoßen – hinab, hinab in des Brunnens Tiefe, und im Fallen hörte er noch die Stimme des Alten: „Suche! Geh immer der Nase nach!“

Als er die Augen öffnete und sich umsah, fand er sich wieder in einer Küche, in der vielerlei Kräuter zum Trocknen hingen. An den Wänden standen große Regale und darin aufgereiht Gläser, die alle mit eigenartigen Inschriften versehen waren. Und obgleich es eine prächtige Schlossküche war, so war doch kein Mensch zusehen – der Raum wirkte wie ausgestorben. Und dennoch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, beobachtet zu werden.

Der Prinz erhob sich, ging an den Regalen entlang und machte sic daran, die Worte zu entziffern. Er ergriff ein Glas, das sich direkt vor seiner Nase befand, und las, was darauf geschrieben stand: Gundelrebe - heilt das Ohr und öffnet Verschlossenes! Vorsichtig nahm er den Deckel ab und roch an den Kräutern. Es war ein überraschend erdig-würziger Duft, der ihm in die Nase stieg.

Er hielt inne - wie nur war es möglich, dass er wieder riechen konnte?

Da plötzlich war ihm, als hörte er ein Schluchzen und Jammern, ein Stöhnen und Ächzen. Leise zuerst und dann immer deutlicher. Es drangen auch Worte an sein Ohr, Worte, die er aber nicht verstand. Welche Sprache auch immer gesprochen wurde – der Prinz konnte sie nicht verstehen.

Unheimlich war es, jemanden zu hören, ohne jedoch eine Menschenseele zu sehen! Den Prinzen schauderte, und er wollte die Küche so schnell wie möglich verlassen, da fesselte für einen kurzen Augenblick ein großes Glas seine Aufmerksamkeit. Auf diesem stand geschrieben: Augentrost - klärt für den Augenblick des Auges Blick!

Kaum hatte er diese Zeile gelesen, da packe er das Glas mit beiden Händen, öffnete es und sog den leicht herben Duft des Krautes in sich auf. Plötzlich sah er kleine Gestalten, die in der Küche umherhuschten: es waren winzige Männer und Frauen, die auf Ihren Schultern kleine bunte Rucksäcke trugen. Niemand bemerkte ihn, denn alle liefen aufgeregt hin und her, ohne dass der Prinz erkennen konnte, wer hier zu Gange war. Wie durch Zufall fiel sein Blick auf ein strahlend gelbes Glas, das mitten auf einem Tisch stand.

Darauf prangten die Worte: Salbei - befreit den Verstand!.

Rasch hob er es hoch und öffnete es. Was für ein Duft! So warm, so frisch und klärend. Der Prinz hatte sein Lebtag nichts Vergleichbares gerochen. Und wie er den Duft eingesogen hatte, da konnte er klar und vernehmlich die Worte der kleinen Wesen verstehen. Doch es waren der Worte so viele, dass er sich niedersetzen musste, um Atem zu schöpfen. Vor ihm stand mit einem male eine kleine Frau, deren Gesicht vom Leid gezeichnet war. „Wer seid denn Ihr?“ wollte der Prinz von ihr wissen.

„Oh, Prinz,“ hub die Frau an zu sprechen,“ wir sind das Kräutervolk. Einst wohnten wir unter dem Moos der grünen Wälder und im Gras der duftenden Wiesen und lebten glücklich und zufrieden! Doch eines Tages kam eine Kräuterhexe und bannte uns mit ihrem Zauberspruch. Seit diesem Tage müssen wir hier in ihrer Kräuter-Küche die Kräuter-Knechte sein und schwere Arbeit verrichten, bis einer kommt und uns erlöst. Weder bei Tag noch bei Nacht dürfen wir das Dunkel hier unter der Erde verlassen.“

Der Prinz achtete kaum mehr auf die Worte der kleinen Kräuterfrau, denn seine Neugierde war geweckt und ihn interessierte viel mehr, was diese denn in ihrem Rucksack bei sich trug. Und so fuhr er sie mit barscher Stimme an: „Red nicht so viel und lass mich sehn, was du in deinem Rucksack hast!“

Als die kleine Frau dies hörte, wandte sie sich wortlos um und verschwand in einem Spalt, der sich in der Wand aufgetan hatte.

Der Prinz blickte sich um – es war niemand mehr zu sehen. Das Kräutervolk hatten die Küche still und heimlich verlassen.

Den Prinzen scherte dies nicht. Er ging weiter an den Regalen entlang und betrachtete voll Neugier die Gläser und las, was darauf geschrieben stand. Auf einer besonders schönen blauen Flasche ward zu lesen: Knoblauch - wehrt das Böse ab!

Der Prinz griff danach, doch er war so ungeschickt, dass die Flasche ihm aus den Händen sprang und splitternd auf dem Boden zerbarst. Der Gestank, der nun die Küche erfüllte, war unerträglich. Der Prinz wollte die nahe gelegene Türe aufreißen – diese jedoch verschwand in dem Augenblick, als seine Finger die Klinke berührten. Und so saß er auf dem Boden, hilflos dem beißenden Geruch ausgeliefert.

Ihm schwanden die Sinne. Wie er wieder zu Bewusstsein kam, da saß vor ihm auf dem Boden ein kleines Mädchen vom Kräutervolk. Es saß ganz still da und betrachtete den Prinzen aufmerksam. Endlich hub es an zu sprechen und es sagte mit ernster Stimme: „Was bist du für ein Mensch, dass du dich mehr um deine Begierde als um die Sorgen anderer kümmerst! Aber es sei – ich will dir das Geheimnis unserer Rucksäcke lüften!“

Das Kleine Mädchen öffnete ihren Rucksack und der Prinz beugte sich voll gespannter Erwartung darüber. Welch ein herrlicher Duft! Lange Zeit hörte man einzig den Atem des Prinzen, der genussvoll die Luft einsog und achtsam wieder ausatmete. Dann fragte er mit staunender Stimme: „Was ist es, was mich so sonderbar berührt?“ Und das Mädchen antwortete: „Seit uralten Zeiten schon tragen wir in unseren Rucksäcken die Düfte der Welt. Wir sind die Hüter aller Kräuter. Ein jeder trägt einen besonderen Duft bei sich. Mein ist der Duft, der das Herz öffnet!“

Was dem Prinzen in die Nase stieg, war der sinnlich süße, liebliche Duft der Rose.

Da spürte der Prinz wie sich in seinem Inneren etwas nie Gespürtes sanft regte und Glück erfüllte ihn! Er blickte sich um und sah, dass um ihn herum plötzlich das ganze Kräutervolk versammelt waren. Er sah ihr Leid und ihre Trauer, er hörte ihr leises Klagen  und Jammern und er spürte ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Und er erkannte, dass es seine Aufgabe war, das Kräutervolk aus der Knechtschaft zu erlösen und zurück ins Licht des Waldes zu führen. Einzig die Tür, die er in der Wand gesehen hatte und die er hatte öffnen wollen,  führte in die Freiheit. Doch diese war verschwunden. An deren Stelle war lediglich eine kleine Tafel in die Wand eingelassen, auf der stand geschrieben: „Nur wer immer der Nase nach geht, wird mich finden!“

Plötzlich wusste der Prinz, was zu tun war. Er rief alle Kinder des Kräutervolkes zu sich und bat: „Gebt mir alle ein wenig von eurem Duft. Ich will einen neuen Duft zusammenrühren, der die Macht der Welt in sich birgt!“ Alle öffneten bereitwillig ihre Rucksäcke und der Prinz mischte achtsam einen Duft, so wundersam, wie ihr noch keinen gerochen habt. Dieser zauberhafte Duft erfüllte die ganze Küche und plötzlich erschien vor den Augen aller die Tür, die zuvor auf so geheimnisvolle Weise verschwunden war.

Der Prinz erhob sich und ging auf jene Türe zu. Und wie er die Türe öffnete und gemeinsam mit dem Kräutervolk hinaus trat, das ergoss sich heller Lichterschein über alle. Der Schein war hell, so hell, dass der Prinz die Augen schließen musste. Und wie er sie wieder öffnete, da fand er sich oben auf der Erde neben dem Brunnen inmitten des Basars.

Tief sog er die vielfältigen Düfte des Basars in sich auf. Welch ein wunderbarer Geruch nach Wärme und Licht!

Und wie er sich umsah, da erkannte er, dass nichts mehr so war wie ehedem. Er sah die Armen und Bedürftigen, er sah die Diebe und Betrüger und er sah die Reichen und die Satten und er erkannte- dies ist des Lebens Vielfalt! Und es lag in seinen Händen, dass die Menschen seines Reiches zufrieden waren.

Er ging zurück zum Palast seines Vaters und er herrschte in Weisheit – wohl wissend, dass ein fühlendes Herz, ein wacher Verstand und ein scharfes Auge für einen Herrscher wichtiger waren, als alle Genüsse dieser Welt. Und von Stund an hatte er für alle Anliegen seiner Untertanen ein offenes Ohr! 

Xenia Busam 2010