phantastische Geschichten & uralte Märchen

                                     

Monatsmärchen

Der Frauenmantel

Ein Schäfer hatte auf der Welt nichts als eine alte Flöte, aber die war ihm alles andere.

Wenn er sie in die Hand nahm, vergaß er, dass er keinen Vater und keine Mutter mehr hatte.

Wenn er darauf spielte, quälten ihn Hunger und Durst nicht länger.

Wenn er darauf spielte, hörte der Wald auf zu rauschen, das Bächlein wurde still, und die Tiere im Gebüsch lauschten der Musik.

Deshalb verlief sich auch nie eines seiner Schafe. Es genügte, dass er auf der Zauberflöte spielte, und gleich kam es zurück, wo immer es auch gewesen sein mochte.

Der Schäfer diente am kaiserlichen Hof. Jeden Morgen trieb er die Schafe des Kaisers auf die Weide, des Abends kehrte er mit ihnen zurück, am Hut ein Sträußchen Blumen, wie sie im kaiserlichen Garten nicht zu finden waren. Dieses Sträußchen bemerkte bald auch des Kaisers Tochter.

Sie war schön wie die Sonne, und der Schäfer drehte sich oft heimlich nach ihr um. Aber auch die Prinzessin wandte sich nach ihm um – denn sie beneidete ihn um das Sträußchen am Hut.

Eines Tages, es war Mai, schlich sie eingehüllt in ihren grünen Mantel dem Schäfer heimlich auf die Wiese nach. Sie fand ihn im Schatten des Waldrandes. Alles ringsum lauschte wie verzaubert seinem Flötenspiel, und auch die Prinzessin blieb wie angewurzelt stehen. Aber der Schäfer hatte sie schon erblickt, steckte die Flöte in seinen Brotsack und verneigte sich tief.

«Was wünscht Ihr, Herrin?»
«Ich möchte solch ein Sträußchen, wie du es jeden Tag am Hut trägst!», sagte die Prinzessin. «Wo wachsen diese Blumen?»
«Tief im Wald, Herrin», antwortete der Schäfer. «Wenn ihr wollt, hole ich Euch so viele, wie Ihr nur wünscht.»
Aber die Prinzessin war nicht einverstanden. «Ich will sie selbst pflücken, führe mich hin.»
«Es ist weit», wich der Schäfer aus.

Aber die Prinzessin erwiderte: «Ich will sie selbst pflücken, zeig mir den Weg.»
«Es ist beschwerlich», wich der Schäfer aus. «Der Weg führt ins tiefste Dunkel.»

Aber die Prinzessin forderte: «Ich will sie selbst pflücken, zeig mir den Weg.»
«Es ist unwegsam», wich der Schäfer aus. «Der Weg führt durch Dickicht und Dornengestrüpp. Das wird euren Mantel zerreißen.»
Doch die Prinzessin lies ihren Mantel unter einem Baum ins Gras gleiten und befahl: «Zeig mir den Weg!»

So machte sich der Schäfer auf und führte die Tochter des Kaisers durch Sträucher und Gebüsch, dorthin, wo der Wald am tiefsten war.

Äste schlugen sie, Dornen rissen an ihren Kleidern und zerstachen ihr Hände und Füße. Aber umkehren wollte die Prinzessin nicht. Schließlich kamen sie zu einer Lichtung im Wald. Hier blühten tausende von Blumen, wie die Prinzessin sie noch nie im Leben gesehen hatte, Vögel sangen, die sie noch nie gehört hatte, die Sonne strahlte wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Die Prinzessin lief hierhin und dorthin und pflückte mit beiden Händen die Blumen und füllte auch des Schäfers Brotsack damit.

Aber ach, der Heimweg war noch schlimmer. Äste peitschten sie, die Büsche zerrissen ihr das Gewand, Dornen stachen ihr Hände und Füße blutig. Bevor sie den Waldrand erreichten, waren von dem schönen Strauss nur ein paar Blumen geblieben. Die leuchteten und dufteten bei Weitem nicht mehr so wie auf der Waldlichtung. Der Prinzessin traten vor Schmerz und Zorn die Tränen in die Augen.
«Weint nicht, Herrin», tröstete sie der Schäfer. «Ihr habt ja noch die Blumen in meinem Brotsack.»Aber auch diese waren der Prinzessin nicht schön genug. Sie glaubte, der Schäfer hielte die besten für sich zurück. «Es waren mehr! Wo hast du die anderen versteckt?»
«Ich habe keine mehr», wehrte sich der Schäfer. «Schaut doch her!»
Er zeigte der Prinzessin den geöffneten Brotsack. Eine Brotkante, ein Taschenmesser und die Flöte lagen darin. Die Prinzessin griff nach der Flöte. «Und was ist das?»
Erschrocken streckte der Schäfer die Hand danach aus. «Das ist meine Flöte!»
«Wenn du mir meine Blumen nicht geben willst, nehme ich dir eben die Flöte weg!», rief die Prinzessin. Und schon war sie im Schloss verschwunden.

Was konnte der arme Schäfer tun? Nie mehr würde er auf seiner Flöte spielen können. Er blieb stumm stehen und große Tränen liefen ihm über die Wangen und tropften auf den grünen Mantel der Prinzessin, den sie dort im Gras hatte liegen lassen. Traurig ging der Schäfer ging zu seiner Hütte und wusste sich nicht zu helfen.

In dieser Nacht schlief die Prinzessin nicht. Immer, wenn ihr die Augen zufallen wollten, sah sie das entsetzte Gesicht des Schäfers vor sich. Sie begriff: Sie hatte Unrecht getan. Am andern Morgen, in aller Frühe, da nahm sie die Flöte zur Hand und eilte zum Baum auf der Wiese, wo sie den Schäfer so schmählich hatte stehen lassen. Doch dort lag nur einsam der grüne Mantel, den sie achtlos hatte ins Gras gleiten lassen. Sie trat herzu, hob ihn auf, legte ihn sich um die Schultern und drehte sich dabei langsam im Kreis, um nach dem Schäfer Ausschau zu halten. Wie der Mantel sich so im Wind bauschte, rannen die Tränen des Schäfers, die er auf den edlen Stoff geweint hatte, auf die Erde. Und in dem Augenblick, als die letzte seiner Tränen den Boden benetzte, da verwandelte sich die Prinzessin in eine wunderschöne Pflanze, deren Blätter sich wie ein Mantel über die Flöte breiteten.

Bald darauf kam der Schäfer zur Wiese. Seine Tiere trieb er vor sich her. Die Trauer um seine Flöte und die Sehnsucht nach der Prinzessin quälten ihn sehr. Wie konnte es sein, dass seine angebetete Prinzessin so boshaft war?

Wie er am Baume angekommen war, erblickte er eine Blume, die er vorher noch nie gesehen hatte. Er bückte sich nieder, um sie genauer zu betrachten. Da sah er versteckt unter den Blättern seine Flöte liegen. Tränen des Glückes rannen ihm die Wangen hinab und netzten die wunderschönen Blätter. Und plötzlich war es ihm, als höre er die Stimme der Prinzessin wehmütig raunen: „Verzeih mir, dass ich dir Kummer bereitet habe. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.“

In diesem Augenblick begriff er: Niemals wieder würde er der Prinzessin von Angesicht zu Angesicht begegnen. Tränen der Verzweiflung wollten nicht mehr aufhören zu fließen. Man munkelt, er sei in Tränen zerflossen.

Die Wahrheit aber ist: Er und die Prinzessin waren von Stund an unzertrennlich. Sie als das wunderschöne Blatt des Frauenmantels und er als die Tautropfen, am Morgen früh.

 

Märchen der Roma aus Siebenbürgen(Rumänien)  – in einer Fassung von Xenia Busam 2018

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Und nun wünsche ich Ihnen eine gute Zeit,
bis wir uns vielleicht demnächst (wieder-) sehen.