phantastische Geschichten & uralte Märchen

                                     

Monatsmärchen

Jakob der Hässliche und die schöne Johanna

Jakob der Hässliche war in die schöne Johanna, die Tochter des Bürgermeisters verliebt, die ebenso schön und hochnäsig, wie er geistreich und hässlich war. Ihr war kein Mann gut genug und ihn wollte keine haben.

Um sie für sich zu gewinnen, ersann er folgende List: Er brachte ihr einen Brief von ihrem Onkel, der sie zu sich bat, weil er auf dem Totenbett läge und sie noch einmal zu sehen wünschte. Jakob trug sich an, sie zu begleiten, und sein Antrag wurde angenommen. Sie schnürte ihr Bündel, und Jakob machte sich unterdessen fort, um auf der Straße, die sie einschlagen mussten, an gewissen Orten Lebensmittel zu vergraben. Am folgenden Morgen wurde die Reise angetreten. Sie waren schon eine Zeitlang in der größten Hitze gelaufen, als Johanna nach einer Erfrischung verlangte. Jakob entschuldigte sich, er habe vergessen, etwas mitzunehmen, sie müsse also bis zum nächsten Dorfe Geduld haben.

In diesem Augenblick flog ein Rabe krächzend vorüber. »O du Lügner!« schrie Jakob. »Wen schiltst du einen Lügner?« fragte Johanna. »Diesen Raben, der mir weismachen will, unter jenem Baume seien Fische, Brot und Äpfel vergraben.« »Wie verstehst du denn das?« »O, ich habe gar viel gelernt, wiewohl ich noch jung bin. Durch Zufall habe ich eine Grammatik und ein Wörterbuch der Vogelsprache gefunden und verstehe sie nun so ziemlich.« Das Weib, das sehr hungrig war, dachte, der Rabe könnte wahr geredet haben, und bat ihren Begleiter, haltzumachen und unter dem Baume zu graben. Sie fanden Fische und Brot und Äpfel, und Johanna kam ins Grübeln.

Nachdem sie eine Weile weiter fortgezogen waren, flog ein anderer Rabe krächzend vorüber. »Ei, o du Erzlügner!« rief Jakob. »O mein lieber Jakob, was spricht er denn, man muss dies ehrliche Volk nicht so leicht Lügner schelten.« »Wenn wir ihm Glauben beimessen sollten,« sprach Jakob, »so fände sich dort unter jenem Baume ein Braten und eine Pastete.« Johanna drang darauf, haltzumachen, und sie fand alles richtig, wie es der Rabe gesagt hatte. Sie glaubte, Jakob sei ein weiser Mann, und betrachtete ihn ehrfurchtsvoll. Sie hatten beide gut gespeist, aber nichts zu trinken gehabt, und hätten vor Durst vergehen mögen. Bald darauf krächzte ein anderer Rabe: »Ei, o du Spitzbube!« rief Jakob. »O lieber Jakob, tu dem ehrlichen Gesicht kein Unrecht; glaube mir, diese Raben sind Apostel der Wahrheit. Was sagt er denn?« »Dort unter jenem Baume seien Flaschen mit Wein und Wasser vergraben.« Es war richtig so; sie tranken vom besten Weine und lagen noch hingestreckt im hohen Grase, als ein vierter Rabe über ihren Köpfen krächzte. »Ei, o du schändlicher Lügner! ei, o du gottloser Betrüger!« schrie Jakob ganz erbost. »Verleumde nicht so den guten Raben,« sagte Johanna, »seine Worte sind ja richtig und wahr. Was sagt er denn?« »O, ich schäme mich, es nur zu wiederholen, wiewohl ein großes Unglück mit im Spiele ist!« Jakob weigerte sich lange und stellte sich sogar, als ob er weine aus Scham und Betrübnis. Endlich, auf vieles Bitten, rückte er mit der Sprache heraus: »Wenn du, o liebste Johanna, so sagt der Rabe, mich nicht auf der Stelle umarmst, so stirbt in diesem Augenblick dein Onkel und dein Kind!« Was war zu tun? An der Glaubwürdigkeit des Raben war unmöglich zu zweifeln. Jakob behauptete zwar, es schicke sich nicht; je mehr er sich aber weigerte, desto dringlicher bat ihn Johanna, das Leben ihres Onkels und ihres Kindes zu retten. Sie gab nicht nach mit Bitten, bis er sie dreimal umarmt hatte. Und da dies so recht vergnüglich war, schenkte Johanna dem Jakob noch einen Kuss darauf.

Und was danach folgte? Das ist eine andere Geschichte.

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